Lyric Video – Top Five

Kinetische Typografie zwischen Old-School-Krachern und digitalem Future-Shit

Das ist ein Artikel, der die Verbindung von kinetischer Typografie und Lyric Videos untersucht. Er beginnt bei den Ursprüngen der kinetischen Typografie und endet bei einer ganz besonderen Lyric-Video-Liste.

Wenn der Film beginnt

Alfred Hitchcock war nicht zufrieden. Er war ganz und gar nicht zufrieden. Da gab er wirklich alles in seinen Filmen, kümmerte sich um jedes Detail, und dann verdarb ihm der Vorspann seine ganze Arbeit. Wie sollte sich das Kino denn gegen dieses neue Medium Fernsehen zur Wehr setzen, wenn es immer in den ersten Minuten versagte? Einfach Namen einzublenden, reichte ihm nicht mehr. Er wollte etwas Größeres, Besseres, er wollte Bewegung im Vorspann.

Gut, dass ihm eine Produktionsassistentin diesen komischen Saul Bass vorgestellt hatte. Was der ihm gestern im Schnittraum als Probe gezeigt hatte, war nicht schlecht, ganz und gar nicht schlecht. Er hatte deshalb noch in der Nacht beschlossen, ihm seinen Vorspann für seinen neuen Film bearbeiten zu lassen: „North by Northwest“.

Man musste eben neugierig sein, in einer Welt der Angsthasen. Und wenn es nicht klappen würde … – er überlegte kurz, ach, damit wollte er sich nun wirklich nicht befassen!

Was ist kinetische Typografie?

Kinetische Typografie ist die künstlerische Gestaltung von animierten Schriften durch Animatoren und Motion Designer. Dabei bewegen sich die Buchstaben und Zahlen in unterschiedlichsten Formen und Arten. Sie werden größer oder kleiner, dicker oder dünner, wechseln ihre Schriftformen und -farben in unzähligen Möglichkeiten.

Sie werden sogar künstlich aufgepumpt und platzen dann. Die Buchstaben können sowohl abstrakte als auch menschliche Formen annehmen. Ja, auch die Geschwindigkeit ist variabel. So ist es zudem möglich, Lautstärke nachzuahmen, indem man bspw. die Größe des Textes ändert, ihn vibrieren oder tanzen lässt.

Zunächst häufig in den Vorspännen von Film und Fernsehen eingesetzt, wird die kinetische Typografie mit Beginn der modernen Webentwicklung auch verstärkt auf Websites und neuerdings besonders in Lyric Videos eingesetzt.

Unsere 5 Lieblinge im Bereich Lyric Videos

Wir geben es gerne zu: Wir waren schon immer ein klein wenig besessen von Listen. Schon in unserer Kindheit stellten wir Listen auf. Unsere fünf besten Freundinnen, die zehn besten Fußballspieler auf dem Schulhof, welche fünf Kinder am eindrucksvollsten im Stadtbad vom Zehner sprangen, und welche fünf Menschen wir als Erste geküsst haben.

Nun bei dieser folgenden Liste wird es aber mehr als ernst. Wir präsentieren euch die aus unserer Sicht fünf besten Lyric Video Picks. HaF, wenn ihr wisst, was ich meine.

Barbra Streisand – „Don’t Lie To Me“ (Lyric Video)

Bereits das erste Lyric Video ist ein Kleinod des Motion Designs. Es vereint ganz unterschiedliche Schrifttypen, die in Breite, Höhe und Farbigkeit stets in Bewegung sind, mit dem Bildmaterial interagieren und ihm eine bestimmte Deutung zuweisen. Im Mittelpunkt steht „Mister Merkwürdige-Frisur“ himself, Donald Trump und sein leicht angespanntes Verhältnis zur Wahrheit, das wir ja als ‚alternative Fakten‘ kennenlernen durften. Dabei wechseln sich unterschiedlichste Arten von Animationen, Realbilder und Fotos ab und entwerfen ein eindrückliches und auch anklagendes Bild, das manchmal ein wenig zu didaktisch und eindeutig ist. Aber vielleicht ist das auch mal nötig. Der Motion Designer, der dieses Lyric Video gestaltet hat, weiß jedenfalls die gesamte Palette der unterschiedlichen Ausdrucksmittel gekonnt einzusetzen.

Taylor Swift – „Look What You Made Me Do“ (Lyric Video)

Taylor Swifts Lyric Video ist extrem klickgewaltig und hat bereits einige magische Schallmauern durchbrochen.

Es bebildert mit heruntergebrochenen, teils farbigen, teils Schwarz-Weiß-2D-Animationen und abstrakten Fonts einen Kampf um Liebe, Rache und Verbrechen und scheut sich dabei nicht, was die Farbigkeit und Effekte betrifft, einen ziemlich großen Schluck aus der kongenialen ‚Sin City‘-Flasche zu nehmen. Nun, sagen wir, es wirkt ein klitzekleines bisschen so.

Breite custom-made Saloon-Schriften, zersplittertes Glas, Schlangen, das wirkt, wie aus einem guten alten Western oder Rockabilly-Voodoo-Comicstrip. Aber besser sehr gut geklaut, als total schlecht kopiert!

Wir lieben Taylor trotzdem – und überhaupt: Look what she made us do.

Post Malone, Swae Lee – 
„Sunflower“ (Spider-Man: Into the Spider-Verse)

Seitdem Post Malone mit seinen ausufernden Gesichtstattoos aufgetaucht ist, freuen sich Tätowierer in aller Welt auf neue Kunden. Selbst Cindy Crawfords Sohn hat sich ‚Misunderstood‘ unter das Auge stechen lassen.

Post Malone geht in seinem Lyric Video einen einfachen, aber ziemlich eindrucksvollen Weg, indem er ein lites, animiertes Lyric Video in 3D schafft, in dem sich ein moderner Spider-Boy im nächtlichen New York durchschlagen muss. Immer auf der Flucht oder auf der Suche nach einer ‚Soulmate‘.

Das Storytelling, die Animationen, die Farben sowie die kinetische Typografie dieses Lyric Videos sind jedenfalls mehr als on fleek und rasiermesserscharf. Die Lyrics werden einerseits wie Untertitel eingeblendet oder als Dialoge und Gedankenwolken verwendet. Besser hätte das sicher kein ‚Marvel‘-Zeichner hinbekommen, aber hey, vielleicht stammt das ja von einem?

Green Day – „BangBang“ (Official Lyric Video)

Was soll man von einem Video halten, das mit der Lyric Line „Give me head oder give me dead“ aufwartet? – Na klar, so einiges!

So reduziert, wie dieses Lyric Video ist, so offensichtlich bedient es sich bei den Dadaisten und der russischen Avantgarde der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre. Das ist eben Punkrock. Dazu eine ziemlich unaufgeregte, aber dennoch spielerische kinetische Typografie macht aus diesem Lyric-Stück einen sehens- und erwähnenswerten Hingucker. Eine Pastiche des Postmodernismus par excellence, wenn man so möchte.

So, und was war noch noch mal genau ‚Give me head‘ …?

Justin Timberlake – „Suit & Tie ft. JAY Z“ (Lyric Video)

Justin ist ein echter erfolgreicher Sonnenschein. Wir konnten nicht anders, als ihn auszuwählen. Ja stimmt, das klingt ein wenig oberflächlich, aber so sind wir eben manchmal.

Deshalb ist unser letzter Lyric Video Pick eben, bis auf kleinere unterstützende Animationen, auch kein illustriertes Video, sondern eins, in dem die kinetische Typografie ganz sorgsam in die Realbildaufnahmen eingebettet worden sind. Ja, ‚eingebettet‘ ist in dem Fall wirklich das richtige Wort. Es gibt übrigens sehr viele stylische Detail- und Nahaufnahmen in diesem Video. Und der Text wird häufig organisch gerahmt.

Das Lyric Video erzählt uns zudem ein Mininarrativ, aber viel wichtiger sind die perfekt geposten Timberlake’schen Bewegungen, das Schwarz-Weiß der Bilder und die Klarheit samt formvollendeter Harmonie, die gut zum Stück passt. Ein wenig Swing, ein bisschen Groove und ganz viel charmante Gelassenheit kommen hier zum Ausdruck.

Resümee

Wenn du genau jetzt bei YouTubeLyric Video‘ eingibst und dir nur die anzeigen lässt, die in den letzten 24 Stunden hochgeladen wurden, dauert es mehrere Minuten, bis du an ein Ende kommst.

Irgendwie ist das großartig und bestätigt – entgegen allen Orakeln –, dass Sprache doch nicht verkommt und immer noch gut wahrgenommen wird.

Merkwürdigerweise sind es gerade die Lyrics, die im Zeitalter der völligen Digitalisierung an Bedeutung gewinnen. Aber wer weiß, vielleicht wollen User auch nur gute Zitate für Twitter oder ihren Insta-Account abgreifen? Na und? Die Verbindung von Musik, Bild und Text ist aufregend genug, dass Synästheten möglicherweise Liebe schmecken, wenn sie Lyric Videos sehen.

Du willst dein eigenes Lyric Video produzieren? Zum Glück wissen wir, wie das geht, und helfen dir gern dabei.

Federico Avino

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