Die erfolgreichsten Lyric Videos und was sie so besonders macht

In diesem Artikel beschäftigen wir uns mit der Entstehung und Entwicklung von Lyric Videos. Wir zeigen, woher sie stammen, wer ihre Gründer sind, wie die Fankultur das aus ihnen machte, was sie heute sind, und welche künstlerischen und technischen Verfahren dabei zum Einsatz kommen.

Bob, gib mir das erste Lyric Video!

Als sich Bob Dylan an einem windigen Tag des Jahres 1965 mit Cue Cards – das sind Spickzettel, auf denen sein Text zu ‚Subterranean Homesick Blues‘ drauf stand – in London nahe dem ‚Savoys‘-Hotel wiederfand, war ihm wahrscheinlich nicht so richtig bewusst, dass er Geschichte schrieb.

Klar, der Song ist natürlich auch ganz groß, super. Aber gleichzeitig schuf er mithilfe des innovativsten Dokumentarfilm-Regisseurs seiner Zeit, D. A. Pennebaker, das wahrscheinlich erste Lyric Video.

Ziemlich sicher war Dylan das mehr als scheißegal, so verkniffen und wortlos, wie er dasteht. Und doch konnte jeder, der das Video sah, genau den Text verstehen – auch all die Hippies und Beatniks in den Teilen der Welt, wo man nicht so gut Englisch sprach, wie bspw. in Deutschland.

Dylan demonstrierte mit dieser Geste übrigens auch mal ganz nebenbei, dass ihm der Songtext wesentlich wichtiger war als den rüden Rock-’n’-Rollern und Popsternchen seiner Zeit.

Die Vorgeschichte der Lyric Videos

Lyric Videos sind Musikvideos, bei denen der Text zentraler Bestandteil ist. Sie sind aber darüber hinaus auch in erster Linie Musikvideos. Deren Entstehung ist ja einigermaßen bekannt. Hier die Kurzversion: Die Geschichte der Musikvideos begann in den 30er-Jahren, nachdem der Tonfilm erfunden worden war, mit den Soundies, in denen eigentlich immer der Künstler im Mittelpunkt stand und aufgenommen wurde.

Das ging auch bei den folgenden europäischen Epigonen, den französischen Scopitones so weiter. Musikvideos waren meist reine Performance-Videos.

Durch die Beatniks, den Punk und New Wave, aber auch durch MTV schlichen sich neue, wesentlich abstraktere formal-ästhetische Verfahren in die Musikvideos. Nicht klammheimlich, sondern ziemlich offensiv. Das reichte vom Storytelling, über Avantgardekunst-Techniken, bis hin zu allen Arten von Animationen.

Es explodierte dann irgendwann, als Michael Jackson völlig überdimensionierte, aber geile Videos drehen ließ, die schon vor ihrem Erscheinen das Gesprächsthema schlechthin waren. Sie überwanden und erweiterten das reine Performance-Video und legten eine neue Spur. – Doch was war mit dem Text? Den konnten die wenigsten verstehen.

Vom Fan, für die Künstler

Wie schon erwähnt: Das erste Lyric Video war Bob Dylans ‚Subterranean Homesick Blues‘. (Wenn jemand ein früheres kennt, kann er mir gern mailen.)

Danach stagnierte die Produktion reiner Lyric Videos erst einmal. Doch durch die digitale Revolution und dadurch, dass Musikfans nun auch rein technologisch in der Lage waren, Videos einfach zu bearbeiten und auf Videoplattformen zu verbreiten, begannen sie häufig, die Texte in den Mittelpunkt ihrer ganz eigenen Videos zu stellen.

Etwas ungelenk, aber mit sehr viel Empathie und Herzblut schufen sie kleine Meisterwerke. Für sich selbst, die Community und die Künstler, indem sie teilweise die Songtexte direkt bebilderten, aber auch großes Abstraktionsvermögen bewiesen. Meistens handelte es sich dabei um Songs, von denen es noch kein Musikvideo gab, und die auf den Videoplattformen kaum oder nur mit einem farbigen Hintergrund liefen. Neue und alte Titel wurden nun durch die Community in mühevoller Arbeit erstellt – weniger aus monetären, sondern zu Beginn eher aus ideellen Gründen.

Auch wenn einige etablierte Video-Regisseure und Journalisten verächtlich auf diese Bewegung heruntersahen, entwickelte sich das Genre, wenn man es denn so nennen mag, und erreichte so langsam, ganz langsam den Mainstream – und schließlich auch die Aufmerksamkeit der Musiker selbst.

Trend erkannt

Die Lyric Videos der späten 2010er-Jahre übernahmen nämlich zum Teil das, was Unternehmenskommunikation und PR normalerweise machten: Sie nahmen die besten Songs einer LP oder Songs, die kein eigenes Video hatten, und schufen selbstständig audiovisuelle Inhalte.

Plattenfirmen und Künstler zogen nach, lobten bald Wettbewerbe als Gewinnspiel aus, und mehr und mehr zog das Lyric Video auch etablierte Künstler, Medien und Motion Designer, aber auch Quereinsteiger an, die die Songtexte mit innovativen Techniken und eigenen künstlerischen Handschriften bebilderten.

Die klickreichsten Lyric Videos und ihre Techniken

Es gibt gefühlt mit Sicherheit 10 Millionen Lyric Videos und genauso viele Techniken. Es gibt 360-Grad-Lyric-Videos, es gibt VR-Lyric-Videos sowie HD- und 3D-Lyric-Videos. Wir haben hier die megaerfolgreichsten aufgelistet und versuchen, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Techniken zu analysieren.

Real-Footage-Lyric-Videos
(mit Schriftanimationen)

Heute erreichen einzelne Lyric Videos wie ‚Closer‘ von den Chainsmokers Klickzahlen von mehr als 2,5 Milliarden Zugriffen. Milliarden! Auch Sias ‚Cheap Thrills‘ kommt heute bereits auf 1,5 Milliarden. Man könnte meinen, sie seien in ihrer Klickstärke einzigartig, sie sind aber in Wirklichkeit nur die Spitze des überaus leckeren Lyric-Video-Vanille-Eisberges.

Beide Videos benutzen Real Footage – die einen scheinbar Stockmaterial, die anderen ihr Musikvideo – und reichern es mit kinetischer Typografie an. Dabei benutzen sie entweder eine persönlich wirkende Handschrift oder faden den Songtext wie beim Karaoke ein. Die Schrift wird animiert und prominent über die Footage-Aufnahmen ins Zentrum gelegt.

Animated Storytelling Lyric Videos
(mit Schriftanimationen)

Auch David Guetta bewegt sich mit mehreren seiner Lyric Videos ganz nonchalant auf die Milliarden von Klicks zu. Er nutzt dafür allerdings aufwändig gestaltetes Storytelling, superknallige Farben sowie 2D-Animationen, in die der Songtext trotz grafischer Prominenz nicht immer gleich erkennbar wird. Er probiert zudem, seinen Lyric Videos eine eigene Handschrift zu verpassen, einen eigenen Look zu etablieren, der ihn von anderen Lyric Videos, die nicht mit solchem Know-how und Willen entstanden, unterscheidet.

Auch Taylor Swift ist für ihre Lyric Videos bekannt und überrascht ihre Fans mit eigenwilligen und originären Kleinodien. Dabei nutzt auch sie gebrochenes Storytelling, starke Farben, kinetische Typografie und schreckt auch nicht davor zurück, die unterschiedlichen Schriftarten als Handlungsträger einzusetzen.

Ein weiteres extrem gutes Beispiel für eine eigene visuelle Handschrift und auch für den Siegeszug des Lyric Videos ist Ed Sheerans ‚Shape Of You‘. Auch hier überwanden Motion Designer die Versuchung, den Text einfach stumpf auf ein Bild zu pressen, sondern gaben den Wörtern in aller Virtuosität jenen Platz, den sie brauchen, um auch langfristig richtig wirken zu können. Damit haben sie Mut bewiesen und auch Akzente gesetzt.

Schriftanimationen

Natürlich gibt es auch die ganz klaren, einfachen, beinahe Old-School-Verfahren, wie etwa bei Romeo Santos’ ‚Cancioncitas de Amor‘. In diesem Lyric Video steht tatsächlich die animierte Schrift im Mittelpunkt, dahinter wurden einige wenige Fotos gelegt – fertig. Nicht mehr. Der Lohn sind freundliche 500 Millionen Klicks.

Wenn es zum Text passt, kann auch das sehr gut funktionieren – wie im Fall von Te Buscos ‚Cosculluela‘: ein Foto auf der linken Seite, rechts der Text in einer völlig harmlosen und nicht sehr aufwändigen Schrift. Dem Künstler beschert das Video aktuell mehrere Millionen Klicks.

Resümee

Die Entstehung des Lyric Videos lag noch im letzten Jahrhundert. Musik und Film verbanden sich, entwickelten sich aber immer weiter und gaben aus der Fankultur heraus dem Text wesentlich mehr Raum als zuvor in den reinen Performance-Videos.

Heute gibt es sicherlich millionenfach Lyric Videos, die allerdings in der Qualität stark auseinandergehen. Doch ist das wichtig? Scheinbar nicht immer, was etwa die Popularität anbelangt. Wichtig ist, dass die Zielgruppe angesprochen wird und eine eigene Handschrift ersichtlich wird. Dann funktionieren Lyric Videos für den Zuschauer genauso gut wie klassische Performance- oder aufwändige und kostspielige Musikvideos.

Wie schon gesagt: Das erste Lyric Video war Bob Dylans ‚Subterranean Homesick Blues‘. Wenn jemand ein früheres kennt, kann er mir gern schreiben.

Federico Avino

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