Von Raubtieren, Zeichnern und Animationen

Wo ging es nur los, wo fliegt es jetzt hin? Der Weg, den die Animation nahm, ist voll von kreativen Köpfen und bahnbrechenden Erfindungen. Wir zeigen einige wichtige Wendepunkte auf und ordnen sie ein. Ideal zum Einstieg.

Vor 30 000 Jahren hatten Raubkatzen noch drei Köpfe, acht Beine, und mehrere buschige Schwänze flogen umher, wenn sie vor ihren Jägern flohen. Wer das nicht glaubt, kann sich sehr gerne die Höhlenzeichnungen in Frankreich anschauen. Das sind, wenn man so möchte, die ersten bekannten Animationen – und wenn man die Malereien mit den Illustrationen, die Walt Disney von Mickey Mouse anfertigte, vergleicht, dann besteht da eine magische Bewegung.

Die Motion Designer der Chauvet-Höhle

Bereits früh haben erste Höhlenmenschen versucht, die wichtigen Momente ihres Lebens, die der Jagd, in ihren Zeichnungen darzustellen. Wie? Indem sie den Bisons, die sie jagten, acht statt vier Beine malten. Im Lichtschein des Feuers konnten die Jäger und Sammler dann von den Bewegungen der Tiere überzeugt gewesen sein, wer weiß. Doch nicht nur die Beine duplizierten sie, auch die Köpfe. Selbst die Tierschwänze vergaßen diese ersten Künstler vor 36 000 Jahren nicht, übereinanderzumalen. Wenn man sich nun die Mühe macht, die einzelnen Illustrationen zu isolieren, hintereinander zu schneiden, und laufen lässt, dann ergibt dies eine fast genaue Bewegung der Tiere. Ist das nicht ungewöhnlich? Fast, als hätten die Bewohner die Animation erfunden.

Illustration angelehnt an die Steinzeitliche Höhlenmalerei Illustration
Camera obscura Laterna magica Camera obscura Laterna magica

Als das Storyboard kein Special Effect war

Auch der vitruvianische Mensch (1490) von Leonardo da Vinci zeigte sich in Bewegung, und da Vinci war, wie so viele Künstler der Renaissance, genau wie auch die heutigen Trickfilmer und VFX-Artists, an den Bewegungen des Körpers und auch an dessen Proportionen interessiert.

Doch erst einige Hundert Jahre später gab es mit der Laterna magica eine Art mechanischen Vorläufer, der dem Kino schon recht nahekam. Waren deren Vorgänger – wie die Camera obscura – noch auf eine geringe Zuschauerzahl beschränkt und wurden diese eher im Theater als Effekt benutzt, begannen mit der industriellen Revolution und der Suche der Bevölkerung nach bezahlbarer Abwechslung diese gezeichneten Bilder, immer schneller und auch realer zu laufen.

Die Laterna wurde industriell gefertigt. Sie war mit unterschiedlichen erzählenden Bildserien bestückt und eroberte sich so ihren Weg in die Wohnzimmer der Gesellschaft. Bald waren Einblendungen und Überblendungen selbstverständlich. Die Erzählungen wurden ausgefeilter, der nächste Schritt ließ nicht mehr länger auf sich warten und hallt bis heute nach.

Geschichte ohne Abspann

Der erste Film wurde 1895 aufgeführt. Der erste mit der Hand gezeichnete kurze Animationsfilm kam allerdings erst 1908 ins Kintopp. Doch schon zehn Jahre später begeisterte der erste Animationssuperstar Felix the Cat die Besucher. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Animationsfilme als sogenannter One- oder Two-reeler zwischen den kurzen oder längeren Filmen, häufig als eine Art Trenner, eingesetzt wurden und das Kinoprogramm eher als Varieté oder Nummernrevue funktionierte.

Nachträglich ist es schon eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet eine Maus, die sprechen konnte, mit Aufkommen des Tonfilms einen Kater, der nicht sprechen konnte, zu Fall bringen sollte.

Geschichte ohne Abspann Geschichte ohne Abspann

Das erste Animationsstudio der Filmgeschichte

Animationsstudios basieren stark auf Kreativität und Erfindungsreichtum der Eigentümer und Animatoren, wenn es darum geht, auf ihre Art zu zeichnen oder ein Charakterdesign umsetzen. Animationsstudios vereinfachen aber auch Produktionsprozesse, führen technische Neuerungen ein und etablieren neue Arbeitsmethoden. Sie gelten durch die Konzentration ihres Know-hows im Bereich Animation sogar als Entwicklungslabor.

Das erste Animationsstudio, das diesen Namen verdient, war das Barré Studio (1914–1923). Dieses Animationsstudio wurde 1914 von Raoul Barré und William Nolan gegründet. Die Besitzer entwickelten vor allem die mechanische Perforation von Cels und die Animation von Spezialeffekten auf Glas weiter. Zudem schuf das Barré Studio auch die ersten Animationen zu Werbezwecken. Einer der Zeichner, die im Studio arbeiteten, war Pat Sullivan, der später auch an ‚Felix The Cat‘ beteiligt war.

Gertie, her name is Gertie

Im Allgemeinen gilt Winsor McCays kurzer Zeichentrickfilm ‚Gertie The Dinosaur‘ (1914) als der erste Keyframe-Zeichentrickfilm der Welt. Die dazugehörigen Animationen wurden ursprünglich zuerst für eine Bühnen- und Varietéshow produziert. Später wurde jedoch eine Fassung erstellt, die eine Rahmenhandlung enthält und im Kino gezeigt werden konnte. Wobei gerade in den ersten Jahren des Films, Kino und Varieté auf vielen Feldern Überschneidungen aufwiesen und ähnliche Programme aufhörten. Das Spektakuläre wie das Humorvolle wurden damals besonders genossen.

Die Handlung von ‚Gertie The Dinosaur‘ spielt in einem Naturkundemuseum. Eine bedeutende Entdeckung wird präsentiert. Das sind noch einfach inszenierte Filmaufnahmen. Im Zentrum des Films steht aber ein handgezeichneter Dinosaurier, der Steine und Bäume frisst und allerlei Kunststücke aufführt. Die für uns heute einfach animierten Sequenzen waren damals eine echte Sensation. Winsor McCay gilt damit als Erfinder des Zeichentrickfilms, er ist darüber hinaus aber auch für den amerikanischen Kult-Comic ‚Little Nemo‘ verantwortlich.

NS und der Animationsfilm

Wer hätte das gedacht? Adolf Hitler, Goebbels und viele andere hochrangige Nazis waren erklärte Fans von Walt Disney und seinen Filmen wie etwa ‚Schneewittchen‘. Die Zeichentrickfilme wurden auf dem Obersalzberg gezeigt, und Goebbels soll überglücklich am 22. Dezember 1937 in seinem Tagebuch notiert haben, dass er dem Führer 12 Walt-Disney-Filme zu Weihnachten geschenkt habe und der sich riesig freuen würde.

Die eigene Trickfilm- und Animationsavantgarde in Deutschland war allerdings nicht so wohlgelitten. Sie kam meist aus einem künstlerisch abstrakten Umfeld und experimentierte gern: Beispielsweise Walter Ruttmann und Lotte Reiniger galten dadurch als entartet. Viele konzentrierten sich deshalb auf animierte Werbefilme – oder emigrierten. Die Nazis hingegen versuchten weiterhin, den amerikanischen Trickfilm zu imitieren, jedoch ohne Erfolge. Sie gründeten zwar noch ein Animationsstudio, doch auch das fiel dem Krieg zum Opfer.

In einem der wenigen Animationsfilme, die „überlebt“ haben, flieht ein kleiner Vogel aus seinem Käfig, bekommt in der Natur Angst und kehrt mehr als glücklich in seinen schützenden Käfig zurück. Eine bessere Parabel auf das Leben in einer Diktatur kann sich kein Animator ausdenken.

Als die Animationen wild tanzen lernten

Lange vor dem Aufkommen des populären amerikanischen Animationsfilms waren es zwei Künstler, die den Animationen völlige Abstraktion und auch künstlerische Finesse beibrachten.

Vorangehend ist in diesem Zusammenhang Walter Ruttmann, der Verfechter der abstrakten Animationen, zu nennen. Ohne seine bahnbrechenden Arbeiten wäre das heutige Motion Graphic Design sicherlich in dem Umfang nicht denkbar. Ruttmanns Interesse an der Kunst und dem Expressionistischen zeigt sich besonders in seinen experimentellen ‚Opus‘-Filmen. Diese handgemachten und weitergedachten Animationen führten ihn später zu seiner berühmten Dokumentationshymne ‚Berlin – Sinfonie einer Großstadt‘ – und auch zu Lotte Reiniger.

Auch Lotte Reiniger, die Pionierin des erzählenden Animationsfilms, hat mit ihrem Scheren- oder Silhouettenfilm ‚Die Abenteuer des Prinzen Achmed‘ etwas geschaffen, was nur wenigen Animatoren vergönnt ist. Sie erfand eine neuartige, zuvor so noch nie gesehene Animationstechnik. Dabei verband sie innovativ die chinesische Kunst des Silhouettenpuppenspiels mit moderner Technik und formte daraus etwas ganz Einzigartiges und Berührendes. ‚Die Abenteuer des Prinzen Achmed‘ ist der erste abendfüllende Animationsfilm der Welt und etwas sehr Außergewöhnliches.

Blende auf, Walt Disney!

Walt Disney, mit bürgerlichem Namen Walter Elias Disney, war der Mann, mit dem die Ära des Animationsfilms erst richtig in Gang kommen sollte: Fast pleite, und in einige Rechtsstreitigkeiten war er auch noch verwickelt, als er die Urform seines zukünftigen Superstars Mickey Mouse erfand. Mickey Mouse war jedoch nur eine der vielen großartigen Figuren aus dem Kosmos von Walt Disney.

7 Emmys, 22 Oscars und mehr als 19 Langfilme sind nur einige Zahlen, die wir mit Walt Disney verbinden. Wie viele Taschentücher wegen seines Bambis verweint wurden, wie viele unzählige Hits das Studio geschaffen hat und wie viel Jungen letztendlich in Schneewittchen verliebt waren, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Dennoch muss man sagen, dass der Trickfilmer Walt Disney und die unzähligen, oft nicht bekannten Zeichner und Trickfilmer hinter einer Vielzahl bahnbrechender Innovationen standen, wie etwa den frühen Einsatz von Ton- und auch Farbfilm, und dem ersten abendfüllenden Animationsspielfilm. Zudem wagte das Animationsstudio auch den Einsatz der völlig neuen Multiplan-Kamera, die Trickfilmern handwerklich die einzige Möglichkeit bot, trotz 2D unscharfe Konturen und damit räumliche Tiefe zu gestalten.

Beitragsbild historisches Comic von Walt Disney mikey mouse und Zeichner Beitragsbild historisches Comic von Walt Disney mikey mouse und Zeichner

Gegen den Strom

Eine ganz andere Bewegung innerhalb der Animation geht seit den 50er-Jahren von Japan aus. Dort waren zunächst Mangas extrem populär. Mangas sind Comics für ein eher älteres Publikum. Sie haben häufig sexuelle und auch extreme Gewaltdarstellungen zum Inhalt. Beispiele sind Verfilmungen wie ‚Akira‘ und auch ‚Ghost in the Shell‘. Alle lagen, lange bevor sie zu Animes wurden, als Comics vor.

Als ‚Anime‘ hingegen bezeichnen Japaner die Art des Animationsfilms ganz allgemein. Bekannt geworden sind die Mangas für ihre Optik der großen Augen und der speziellen Ästhetik kleiner Mädchen mit kurzen Röcken und langen wallenden Haaren – für Westeuropäer ein einzigartiger Stil.

In der Kunst und der Mode, aber auch ganz allgemein im Mainstream sind Animes auch durch die Überschreitung von zuvor gesetzten Regeln bekannt geworden. Animes kennen dabei kein Genre und sind extrem differenziert. Sie zeigen aber sehr viel deutlicher als die europäischen oder die amerikanischen Animationsstudios, dass es sehr wohl möglich ist, Animationsfilme für Erwachsene zu produzieren.

Tricks für alle

Doch selbst mit all diesen damals bahnbrechenden Erfindungen und Neuerungen mussten in der Regel doch alle Bilder bzw. die Figuren, und das heißt 24 Bilder in der Sekunde, von Hand gezeichnet werden. Für eine Stunde Film mussten die Zeichner ohne Verschluss ungefähr 86 400 Bilder zeichnen. Ein enormer Arbeitsaufwand, weshalb die meisten Zeichentrickfiguren früher auch nur vier Finger und meist einfache und spärliche Kleidung trugen.

Dennoch konnte das gerade erst entstehende Massenmedium Fernsehen ab 1950 nicht ohne zugkräftige Animationsserien auskommen. Schnell bevölkerten alte, aber auch neue Stars wie die Flintstones oder Yogi Bear die Mattscheibe, und selbst X-rated-Helden wie der notorisch faule, drogen- und sexsüchtige Fritz the Cat kamen zu Ehren und lieferten sich eine Schlacht um die Quote.

Tricks-fuer-alle Animation Tricks-fuer-alle Animation
Infografik Motion-Capturingverfahren Infografik Motion-Capturingverfahren

Träum weiter, mein VFX-Artist!

Doch alles änderte sich mit dem Aufkommen der Computer Generated Imagery, CGI, wobei die Technik vorher eher im Forschungsbereich, (Außensichtsystem von Flugsimulatoren) genutzt wurde.

Das erste computergrafisch erzeugte dreidimensionale Bild im Kino ist dann der uns allseits bekannte Todesstern in ‚STAR WARS‘, 1977, der auf einem Drahtgestell basiert. Nun mussten keine tausend Stifte und Blätter mehr verbraucht werden, sondern es reichte bald ein Anfang und ein Endbild, um eine Bewegung natürlich aussehen zu lassen.

Neu war der Einsatz von Green Screens, wobei ein Schauspieler vor einer grünen Wand gefilmt, diese das gekeyt und in ein neues Setting am Computer transportiert wurde. In einem aufwändigen Motion-Capturing-Verfahren wurde ein Schauspieler mit Markern versehen. Im weiteren Verlauf wurden dessen Bewegungsabläufe gefilmt und später am Rechner zu einem Modell umgebaut.

Auch die Gesichtsausdrücke eines Darstellers wurden abgefilmt, um sie dann auf ein 3D-Modell zu übertragen, wie etwa bei der berühmten Gollum-Figur aus ‚Herr der Ringe‘.

Man gewann durch CGI praktisch in jeder Hinsicht die totale Kontrolle über den neuen 3D-Animationskosmos, wie etwa ‚Toy Story‘, der erste völlig per CGI hergestellte Film, oder die Mischform ‚Terminator‘ belegt.

Bei diesen Filmen verschwand dann auch die vorher noch erkennbare Trennlinie von Film und Realität, weil es den Machern und VFX-Animateuren und den VFX-Supervisoren darauf ankam, die Realität in einer Art Fotorealismus nachzuahmen, um den Zuschauer eine möglichst perfekte Illusion zu präsentieren.

Alles gut

Doch nicht allen Kreativen lässt die sich immer weiterentwickelnde Technik das Herz höherschlagen. Matt Groening, der Erfinder der vielleicht berühmtesten und einflussreichsten Zeichentrickserie der Welt, hat seinen ‚Simpsons‘-Film jedenfalls mit der Hand zeichnen lassen. Um eben diesen vielleicht ganz speziellen Effekt des Unfertigen, des Handgemachten zu kreieren.

Gezeichneter Animationsfilm unterscheidet sich vom CGI vielleicht durch seine ursprüngliche und auch nicht perfekte Art. Doch darüber gehen die Ansichten auseinander – und eins tun wir sicher nicht: uns über Geschmack streiten.

Bis bald!

Aleksandar Mijatovic Portrait Schwarz/Weiss

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Aleksandar Mijatovic

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