Illustratorinnen – Striche, Farben, Formen und Geschichten, die weit leuchten

Aus einer großen Auswahl an herausragenden Illustratorinnen haben wir vier ausgewählt, die wir euch hier kurz vorstellen wollen. Fortsetzung folgt ...

In diesem Insight huldigen wir der Illustration und einigen ihrer exponiertesten Vertreterinnen. Es geht dabei um erzählerische Kraft, zeichnerische Anmut, Humor und vor allem gestaltende Klugheit. Für uns sind starke Illustrationen – die zeichnerische Visualisierung der Welt

Die Illustratorinnen nähern sich ihrem Sujet mal sicher, mal kindlich, mal laut und mal leise und dann wieder aggressiv und roh wie ein Puma auf dem Sprung und heben dabei die visuelle Kommunikation auf ein neues Level. In den Illustrationen und Geschichten tanzen junge Frauen wild durch die Wohnung, schleichen Außenseiterinnen durch Städte und Madita, Karlsson und Peter Rabbit schlittern gemeinsam in den schönsten Farben durch die Fabel.

Nun zu viel geredet, legen wir das weiße Blatt auf den Tisch und schauen, was die Illustratorinnen in den zurückliegenden 150 Jahren aus Stil, Stift und Imagination gemacht haben.

Beatrix Potter (1866–1943)
Renn schneller, Peter Rabbit!

Die Illustratorin und Autorin Beatrix Potter war sicherlich eine der ersten Frauen, die von ihren Illustrationen wie etwa der Figur Peter Hase sehr gut leben konnte – wenn auch erst sehr spät. Von Geburt an privilegiert durch die mehr als gute Stellung ihrer Eltern lebte die junge Frau lange unter ihrem wohlhabenden Dach, obwohl sie darunter litt und häufig in ihre zeichnerischen Naturstudien floh. In der viktorianischen Epoche war diese Enge nicht ungewöhnlich, gab es doch ein striktes Reglement und gesellschaftliche Forderungen, an die sich jede Frau zu halten hatte. Erst nach Jahren, fast in der Mitte ihres Lebens, emanzipierte sich Beatrix Potter durch ihre Kinderbücher und Illustrationen von diesem Denken und lebte wirklich bis zu einem gewissen Grad selbstbestimmt.

Peter Hase ist sicherlich Beatrix Potters berühmteste Kreation, doch nicht ihre einzige. Das Märchen vom kleinen Hasen, der seiner Mutter entwischt, um sich in einem gefährlichen Garten etwas zu essen zu mausen, ist bis heute ein Bestandteil der kindlichen Geschichtenwelt und wurde erst vor Kurzem ein weiteres Mal aufwendig verfilmt.

Man kann Peter Hase aber auch im Kontext von Beatrix Potters eigener Befreiung lesen, denn erst durch den großen Erfolg konnte sie sich von den rigiden Lebenszwängen lösen und ihren ganz eigenen Weg gehen.

Beitragsbild Portrait der Illustratorin Beatrix Potter Beitragsbild Portrait der Illustratorin Beatrix Potter
Beitragsbild Portrait der Illustratorin Claire Bretecher Beitragsbild Portrait der Illustratorin Claire Bretecher

Claire Bretécher
(1940–2020)
Illustratorin für die Emanzipation

Claire Bretécher wurde vor allem mit Graphic-Novel-Serien über Frauen und Mädchen bekannt, die sehr frei und feministisch waren und sich gegen Erwartungshaltung der Gesellschaft, auch die der links-liberalen Boheme, stellten. Dabei rückte sie recht unkonventionell Erziehung, Gleichberechtigung, Chauvinismus, Sexualität, Arbeit und Familie in den Fokus ihrer Arbeit und war damit wider Erwarten sehr erfolgreich.

Die Illustratorin schaffte es wie wenige, bereits mit ihren ersten eigenen Illustrationen ‚Die Frustrierten‘ einen ganz neuen und ziemlich provokanten Stil abseits der Ligne Claire und ‚Tim und Struppi‘ Schönheit zu entwickeln und sich damit von ihrem ebenfalls berühmten Kollegen René Goscinny und dem französisch-belgischen Stil zu lösen.

Claire Bretéchers Sozial-Chroniken, die sich aus dem Geist der 68er und dem intellektuellen Klima der Siebzigerjahre speisten, wirkten dabei weit über die Landes- und Geschlechtergrenzen hinaus und verhalfen einigen ihrer Figuren, wie etwa ihrer berühmtesten Heldin Agrippina, zu Ruhm und Popularität. Die Illustratorin sprühte mit ihrer Arbeit glühende Funken, die noch Jahre später bei Kollegen wie Ralf König ein Feuer entfachten – Kollegen, die sich für Minderheitenrechte, geistige und sexuelle Freiheit und auch einen gehörigen Schuss Humor abseits aller gängigen Klischees der Zeit starkmachten.

Ilon Wikland (*1930):
Die Illustration von Karlsson – ein Teil von ihr

Ilon Wikland ist fast jeder von uns schon einmal begegnet. Wo? Nun, sie war die „Leib“-Illustratorin, wenn man sie so nennen darf, von Astrid Lindgren und hat vielen ihrer Figuren das typische lindgrensche Aussehen verliehen, das bis heute in Erinnerung geblieben ist. Die beiden lernten sich kennen, als Astrid Lindgren noch Verlagslektorin war und gerade ihr erstes Buch beendet hatte. Sie ließ die junge Illustratorin, die auf der Suche nach Arbeit war, die ersten Illustrationen anfertigen – und der Rest ist Geschichte.

Die schwedische Künstlerin illustrierte nicht nur die ersten Figuren, sie passte die jeweiligen Charaktere auch im Laufe der Zeit an, änderte ihren Look, ihre Art zu stehen, sich zu bewegen, und auch die Silhouetten wandelten sich dank Ilon Wiklands Können fein und merklich. Ihr Markenzeichen sind große Augen, Stupsnasen, stets strubbelige Haare, Kinder im Spaßmodus, also beim Rennen, Verstecken und Toben – Kinder, die im Kindsein aufgehen.

Ilon Wikland zeichnete neben spaßigen Abenteuern aber auch das schlechte Gewissen eines Kindes gegenüber den Eltern und die kindliche Sorge, vielleicht doch auch mal zu weit gegangen zu sein. Die Protagonisten sind stets Kinder, denen es sehr gut geht, solange sie unter ihren Freunden sind, mit ihnen spielen. Aus diesem Grund haben sie auch feste rote Wangen, die bis heute in einer ganz eigenen, fast verschwunden Welt weiterleben.

Beitragsbild Portrait der Illustratorin Ilon Wikland Beitragsbild Portrait der Illustratorin Ilon Wikland
Beitragsbild Portrait der Illustratorin Marjane Satrapi Beitragsbild Portrait der Illustratorin Marjane Satrapi

Marjane Satrapi (*1969)
Die Revolution frisst keine Illustrationen

Wer sich für Illustration und Animationen interessiert, kennt sicherlich die Lebensgeschichte von Marjane Satrapi, die sie in ihrer ersten Graphic Novel ‚Persepolis‘ mehr als eindrücklich wiedergegeben hat.

Als Kind erlebte Satrapi nicht nur die iranische Revolution, sondern auch den Widerstand gegen Bigotterie und für persönliche Freiheiten – Widerstand, den viele Menschen aus ihrem engsten familiären Umfeld mit dem Leben bezahlten. Ihre Eltern schickten Marjane daraufhin zum Studieren nach Europa. Sicher sei sicher, glaubten sie, doch dort stieß die spätere Illustratorin auch auf kulturelle Unterschiede, die sie beinahe das Leben kosteten und wieder in die Gesellschaft der fundamentalistischen Mullahs zurückkehren ließ. Dieser Weg zurück war abweisend und leer, denn die junge Frau hatte sich verändert und die Lage im Iran sich nochmals verschärft.

Satrapi entschloss sich, ihre eigene Geschichte zu verarbeiten und schuf aus ihrer Erfahrung des Verlorenseins und des Nichtdazugehörens eine wunderbar reduzierte, aber sehr eindringliche Geschichte als Graphic Novel, die später als Graphic-Novel-Animation den mehr als verdienten Oscar erhielt.

Oliver Lehner - Portrait

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Oliver Lehner

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